Wort zum Tag von Pfarrerin Bia Ritter

Halb schon `rum dieses Jahr: „Johanni“-Tag

Mittsommer ist vor drei Tagen gewesen, der längste lichte Tag im Jahreslauf. Seitdem werden die Tage bereits allmählich kürzer. „Wie, etwa jetzt schon?“ Ja, die Zeit rennt und wir werden etwas älter, haben den Eindruck, dass die Zeit nur so verfliegt. „Und ich, bleibe ich auf der Strecke?“ Dann nicht, wenn ich mal innehalte wenigstens für eine Stunde und in mich gehe und frage: „Was war im ersten Halbjahr? Corona pur, Stillstand der sozialen Kontakte, weder Berührung noch Umarmung der mir Lieben…. Es könnte ja bald besser werden damit“, denke ich dann. Mehr Nähe zu den Menschen, die ich schätze, Geselligkeit und sprühende Lebendigkeit,- wollen wir das mal hoffen!“
Hoffnung wird nur aufkeimen, wenn wir Stopp sagen, uns heilsam unterbrechen lassen und uns fragen: „Was war eigentlich, was könnte noch Lohnendes auf mich warten?“
Heute ist Johanni, im Volk sehr wohl im Bewusstsein, fast Halbzeit im Laufe des Jahres 2020. Noch umgibt uns viel Licht; die dunklen Nächte sind kurz. Das genießen wir. FrühaufsteherInnen fangen Morgenglück ein, erleben mitunter den Sonnenaufgang. Johanni ist verbunden mit offenen Feuerstellen im freien Gelände. Feuer birgt Lebenskraft, verzehrt Unrat und lässt Lebendigkeit aufkommen. So ist es seit Jahrhunderten Brauch, Holz auf einem großen Haufen zu entfachen. Heidnisches gebaren? –
In der christlichen Tradition ist es verbunden mit der Erinnerung an den Täufer Johannes, der sogar Jesus taufte damals am Jordanfluss. Ihm war nur allzu bewusst: „Ich muss abnehmen, ER aber muss zunehmen“(Johannesevangelium, Kapitel 3, Vers 30), Jesus Christus. Nicht etwa das Körpergewicht war gemeint. Johannes wies damit hin auf die Chance, zuzunehmen an inneren Werten, an Sinnhaftigkeit und Zielorientiertheit, hin zu Aufatmen und Planen jener Zeit, die einem „nach vorne hin“ gegeben ist. So kann uns vor Augen geführt werden: „Du hast aufs Neue Zeit, Dinge anzugehen, die heuer noch sein sollen,- immerhin sechs weitere Monate lang. Mit der Corona-Pandemie, die wahrhaftig lange ins Abseits gedrängt hatte, kann es nur leichter und kommunikativer werden“, so hofft mit mir alle Welt, wenigstens in Europa.
An Johanni innehalten, sich einen Tag lang unterbrechen lassen, das tut gut. Nachsinnen: „Was war eher misslich, was könnte sich ändern zum Guten hin? Wie könnte mein Leben an Tiefe, Weite und Höhe gewinnen?“ Kulturgenuss ist physisch wieder möglich. Etwas lesen, das schon lange liegengeblieben war. Warum nicht mal in der Bibel? Man kann das Wahrgenommene auf sich selbst beziehen, sich fragen, was die gelesenen Worte einem hier und jetzt sagen wollen. Man könnte auch anderes, was aufgeschoben worden war, etwa umweltbewusst einkaufen, etwas Sport treiben und, und… Wer innehält und so „zur Besinnung kommt“, der pflegt Kräfte, die neu erblühen, so dass ein Stück weit wahr werden kann, was die Sehnsucht einem seit Langem einflüstert.
Das laufende Jahr eilt nicht nur dahin. Ich kann es auch füllen mit sinnvollen Ereignissen. Oft liegt es ja nicht nur an anderen Menschen oder Zwängen, die uns zu schaffen machen. Ich selbst kann mit steuern und so beitragen zu einer positiven Wendung der Umstände.
Das genau ist uns Christen nahegelegt. Der Blick auf die Liebe, die Jesus Christus verströmt bis heute, die wird uns tragen und befähigen zu einem Fortleben, das an Tiefe und Weite beträchtlich gewinnt. Der Urlaub macht das besonders gut möglich. In der Freizeit könnte ich aufschreiben, was mir wichtig ist, denn einmal Formuliertes ordnet die Gedanken. Ich könnte,- so antiquiert das auch wirken mag - eine Ansichtskarte an einen Freund schicken, zu dem ich seit Langem keinen Kontakt hatte. Ich kann bewusst meinem leib Gutes tun, sorgsam kochen, gemächlich Atemübungen oder Stretching der Muskeln machen. Der Schöpfer hat uns den Körper gegeben, damit wir uns mit der Erdverbundenheit und der Verwandtschaft zu Flora und Fauna anfreunden! Wir dürfen dankbar annehmen, dass wir umsorgte Geschöpfe sind, die gerne im Namen Jesu Christi auf dieser Welt „wandeln“, wie es im neuen Testament oft heißt.
Eine lodernde Feuerstelle begeistert. Feuer brennt auch als ruhige Flamme jeden Sonntag an der großen Osterkerze in der Kirche. Wir werden somit gewahr: Jesus Christus ist das Licht allen Lebens. Als von den Toten Wachgerufener weist er uns Menschen den Weg hin zu dem Weihnachtsfest in genau weiteren sechs Monaten; dem Fest, das mitten in finsterster Jahreszeit (Sonnenwende) das Licht des Lebens aufscheinen lässt durch das Jesuskind in der ärmlichen Krippe. Dieser Jesus, der später der Christus genannt wurde, macht einen jeden und eine jede von uns zu umhegten Kindern unseres Gottes, heute und allezeit!

Herzlich grüßt Sie und Euch an Johanni

Pfarrerin Bia Ritter