Die Geschichte unserer Kirchengemeinde
Die Evangelischen in Landsberg
Die Thesen, die der Mönch Dr. Martin Luther am 31. Oktober 1517 an das Portal der Schloßkirche in Wittenberg angeschlagen hatte, verbreiteten sich rasch in Deutschland. Überall wurde seine Lehre begierig aufgenommen, so auch in der freien Reichsstadt Augsburg. Da Landsberger Weberfamilien ihre Waren bei der Firma Fugger in Augsburg verlegten, scheinen sie dort der evangelischen Lehre begegnet zu sein und sie in unserer Stadt verbreitet zu haben. Wir wissen, dass am 21. Dezember 1524 der Prediger Georg Lorenz und der Benefiziat Gundolf wegen "evangelischer Predigt" entlassen wurden. In den Jahren 1527 und 1528 verfolgte Herzog Wilhelm im Landgericht Landsberg verschiedene "Täufer". Trotz dieser Maßnahmen ist der evangelische Glaube hier lebendig geblieben.
1613 schickte Herzog Maximilian zwei Beamte nach Landsberg, die verschiedene "evangelische Umtriebe" feststellen mussten.
Als 1576 das Amt des Stadtpredigers in die Hände von Mitgliedern der Gesellschaft Jesu überging und dieser Orden 1578 sein Noviziat in der Stadt errichtete, begann der Versuch einer "Gegenreformation" in Landsberg. Die evangelischen Weberfamilien scheinen die Stadt verlassen zu haben. Um 1700 gab es offensichtlich keine Evangelischen mehr in Landsberg.
Der erste evangelische Gottesdienst in Landsberg
Große Veränderungen brachte das 19. Jahrhundert durch die Eingliederung freier Reichsstädte und vieler fränkischer Gebiete in das neue Königreich Bayern, Territorien, die oft evangelisch waren. Dadurch kamen auch evangelische Beamte und Soldaten nach Landsberg. 1827 zählte man vier evangelische "Civilisten". Sie hielten sich in ihrer Glaubensausübung an das evangelische Dorf Langerringen und besuchten dort am Karfreitag den Gottesdienst. Fränkische Soldaten, die in unserer Stadt Dienst taten, wandten sich 1850 an König Max II als den summus episcopus der Protestanten in Bayern mit der Bitte, er möge einen evangelischen Gottesdienst in Landsberg veranlassen. Der König entsprach dieser Bitte. So fand am 14. April 1850 im Sitzungssaal des Rathauses ein solcher Gottesdienst statt, gehalten von Vikar Stiefel aus Langerringen. Die Chronik betont, dass auch "10 Civilisten und 2 Gendarmen" teilnahmen.
Der Betsaal im neuen Schulhaus
Am 17. Juli 1864 wurde ein "Verein der Protestanten" in Landsberg gegründet, der die kirchliche Versorgung der Evangelischen gewährleisten sollte. Nach dem Spitalbrand 1874 wurde an gleicher Stelle ein neues Schulhaus errichtet, in dem durch das verständnisvolle Entgegenkommen der Stadt ein Betsaal für die evangelischen Gläubigen eingerichtet wurde. Am 8. Juni 1880 fand hier durch Dekan Tränkle, Augsburg, der erste Gottesdienst statt. Monatlich wurden durch den Vikar aus Langerringen solche Feiern wiederholt. Auch Religions- -und Konfirmandenunterricht sowie Christenlehre ist überliefert.
Der erste evangelische Pfarrer
Am 24. Juni 1897 wurde der "Verein von Protestanten Landsbergs und Umgebung e.V." gegründet. Er trat an die Stelle des "Vereins der Protestanten in Landsberg" von 1864. Sein Zweck wurde satzungsgemäß mit drei Aufgaben umrissen: Gottesdienst und Christenlehre zu garantieren, die Errichtung eines selbstständigen Vikariats Landsberg durchzusetzen und die Erbauung einer eigenen Kirche mit Pfarrhaus anzustreben. Offensichtlich wirkte der Verein sehr erfolgreich. Bereits mit Entschließung des Königlichen Innenministeriums vom 18. Dezember 1899 wurde das "Exponierte Königlich-Protestantische Vikariat Landsberg" errichtet. Am 12. Januar 1900 übertrug das Königliche Protestantische Oberkonsistorium diese Stelle dem Vikar Otto Trötsch. Seither hat sich die Evangelische Gemeinde Landsberg kontinuierlich entwickelt.
Viele evangelische Familien kamen in unsere Stadt als 1908 das neue Gefängnis fertiggestellt war. Damals wurde die Strafanstalt auf der Plassenburg in Kulmbach aufgelöst; das Personal wurde nach Landsberg versetzt.
Die neue Kirche
Auch das Ziel einer eigenen Kirche wurde vom "Verein der Protestanten" in tatkräftiger Zusammenarbeit mit dem neuen Vikar Gottfried Federschmidt, der 1909 auf Otto Trötsch folgte, erstaunlich rasch erreicht. Am 4. Mai 1910 konnte von der Waitzinger Brauerei südwestlich des Alten Friedhofs ein 3 Tagwerk großes Grundstück für 6000 Goldmark erworben und notariell verbrieft werden. Die Ausarbeitung des Projektes wurde den Architekten Hessemer und Schmidt/München übertragen. Am 9. August 1913 erhielten die Pläne die "allerhöchste Genehmigung".
Das Wagnis eines eigenen Kirchenbaues konnte nur durch Zusagen der "Königlich Protestantischen Steuersynode" und des "Gustav-Adolf-Vereins" in Angriff genommen werden. So fand unter großer Beteiligung der Öffentlichkeit am 8. Dezember 1913 die Grundsteinlegung und am 18. Oktober 1914 die Feier der Kircheneinweihung statt. Am 1.7.1917 wurde das "Exponierte Vikariat Landsberg" zur Pfarrei erhoben und dem Dekanat München zugeordnet. Das Pfarrhaus konnte erst 1925 verwirklicht werden.
Damit hatten die Evangelischen eine feste Heimat in Landsberg gefunden.
In den folgenden Jahren entwickelte sich die kleine evangelische Diasporagemeinde kontinuierlich. Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges gelang Pfarrer Theodor Kleinknecht eine Ergänzung des Zentrums an der Von-Kühlmann-Straße. Am 18. Juni 1939 fand die Einweihung des kleinen Gemeindehauses an der Nordostseite der Christuskirche durch Oberkirchenrat Oskar Daumiller statt. Damals umfasste die Kirchengemeinde etwa 800 Mitglieder.
Der Zweite Weltkrieg und seine Folgen
Dieser Krieg hat auch unter den evangelischen Familien von Landsberg und Umgebung große Opfer gefordert, wie die Gefallenen- und Vermisstentafeln in unserer Kirche zeigen. Eine große Veränderung der konfessionellen Struktur unserer Gegend brachte das Kriegsende mit seinen riesigen Flüchtlingsströmen, die damals die Stadt und unsere Umgebung erreichten. Auf 5000 Seelen soll die evangelische Pfarrei Landsberg mit ihren vielen Außenorten angewachsen sein. Eine alte Karte zeigt, an wie vielen Orten Pfarrer Siegfried Müller Gottesdienste und Unterricht hielt, um der größten seelischen Not in dieser schweren Zeit zu begegnen.
Eine weitere schwierige seelsorgerliche Aufgabe entstand, als die amerikanische Besatzungsmacht im Gefängnis belastete Personen der NS-Herrschaft inhaftierte, von denen viele hingerichtet wurden. Sie und ihre Angehörigen, die zu Besuchen kamen, wurden von Pfarrer Siegfried Müller betreut. Später wurde vorübergehend eine eigene Seelsorgerstelle für die Haftanstalt errichtet.
Die Neuordnung der Gemeinde
Da im Raume Landsberg nur sehr begrenzte Arbeitsmöglichkeiten bestanden, zogen viele Familien in den folgenden Jahren in die Großstädte weiter, um sich eine neue Existenz aufzubauen, viele fanden hier eine neue Heimat. 1954 zählte man in Landsberg und den 40 Diasporaorten etwa 3500 Evangelische.
Trotz der schwierigen Jahre konnte Pfarrer Siegfried Müller 1952 eine erste Innenrenovierung der Christuskirche durchführen. E. Horndasch ersetzte die Jugendstilausmalung durch die heutigen Bilder.
Nachdem eine 2. Pfarrstelle 1955 errichtet wurde, erwarb die Kirchengemeinde das Anwesen Sonnenstraße 6 als Dienstsitz für den neuen Stelleninhaber Reinhold Dreger.
Durch Pfarrer Alfred Schmidt, der 1958 seinen Dienst antrat, wurde die diakonische Hilfe der Gemeinde fest strukturiert. 1959 entstand der Evangelische Diakonieverein Landsberg am Lech e. V, der eine Diakonissenstation einrichtete. 1966 wurde der Evangelische Kindergarten in Betrieb genommen. Schließlich wurde 1975 von Pfarrer Alfred Schmidt und Stadtpfarrer Gabriel Beißer die Ökumenische Sozialstation St. Martin gegründet, die den modernen Erfordernissen gerecht werden konnte. Sie bildet seither eine feste ökumenische Brücke zwischen den Konfessionen in unserer Stadt.
Die heutige Gestalt
Da 1957 Landsberg Bundeswehrstandort wurde, gab es eine große Zuzugswelle von evangelischen Soldatenfamilien.
Im Jahr 1962 konnte Pfarrer Alfred Schmidt die kleine Pauluskirche mit einem Gemeinderaum in Kaufering errichten. Daraus erwuchs in der aufstrebenden Ortschaft eine eigene Gemeinde. 1972 wurde im Zuge der Olympischen Spiele in München die S-Bahn bis Geltendorf gebaut. Nun siedelten sich immer mehr Pendlerfamilien in den Ortschaften unserer Pfarrei an, so dass die Zahl der Evangelischen rasch wuchs. Seit 1980 zogen viele Siebenbürger Familien hierher.
1982 beschlossen die Kirchenvorstände die Trennung der Tochtergemeinde Kaufering von Landsberg. Es entstand die Pfarrei Kaufering nördlich der Bahnlinie München-Lindau (mit Ausnahme von Schwabhausen).
Seit 1990 ziehen viele russlanddeutsche Familien aus Kasachstan und Usbekistan zu, die dem evangelischen Glauben ihrer Vorfahren treu geblieben sind.
Die Kirchengemeinde Landsberg hält in der Diaspora Gottesdienste in Penzing, Vilgertshofen, Leeder und Holzhausen. Unterricht findet in allen Schulstandorten statt. Der Konfirmandenunterricht wird zentral in Landsberg gehalten.
Die Evangelische Gemeinde im Jahr 2000
Unentwegt ziehen evangelische Neubürger in die Pfarrei Landsberg, so dass die Zahl der Gemeindemitglieder auf über 7000 angestiegen ist. In den 90-er Jahren konnte die Gemeinde drei große Projekte verwirklichen. 1991 wurde der Kirchplatz gestaltet, durch den die Christuskirche neu zur Geltung kommt. Am Reformationsfest 1998 fand das evangelische Ensemble, das 1912 begonnen wurde, seinen Abschluss durch das neu errichtete evangelische Gemeindehaus, an der Stelle des viel zu klein gewordenen bisherigen Gemeindesaales. Es stellt eines der modernsten Häuser seiner Art in der Landeskirche dar.
Zum 100-jährigen Jubiläum unserer Kirchengemeinde konnte schließlich am 12. Dezember 1999 die neue Orgel in der Christuskirche gesegnet werden.
So können die evangelischen Christen in unserer Pfarrei, die in guter ökumenischer Verbundenheit mit den katholischen Christen in dieser Stadt und den Diasporaorten leben, getrost und zuversichtlich in die neue Zeit blicken.
aus:
Festschrift "150 Jahre evangelischer Gottesdienst in Landsberg, 100 Jahre evangelische Kirchengemeinde - 2000", Seite 8-12
